Götz George 1938-2016

June 28, 2016 at 6:50 pm

RIP_Goetz

Wenn man in den letzten Tagen etwas zum Tode Götz Georges liest, liest man auch ein Stück deutsche Geschichte. Die Lebensstationen eines unserer „größten Schauspieler“ sind so typisch deutsch, ja fast ein Klischee, dass sie uns beinahe vergessen lassen, dass er tatsächlich talentiert vor der Kamera spielte.

Geboren kurz nach dem Krieg und den Vater – einen Nazi-Sympathisanten und Schauspielkönig – schon früh in der Kindheit verloren. In den Sechzigern „Winnetou-Filme“ gemacht und damit Teil der größten Publikumserfolge der BRD (und auch DDR) gewesen. In den Siebzigern verweigerte er das Kunstkino, das Fassbinder so prägte und geriet dadurch fast in die Belanglosigkeit, nur im in den Achtzigern mit der Figur „Schimanski“ den „Tatort“ in völlig neue, nämlich realistisch inszenierte Situationen zu bringen (Stichwort: „Scheiße“). Und dann avancierte er in den Neunzigern omnipräsent vom westdeutschen zum gesamtdeutschen Schauspieler. Filme wie „Stonk“, „Rossini“ oder „Der Totmacher“ waren bei Publikum und Kritik gleichermaßen beliebt und ebneten den Weg, um in den letzten 15 Jahren anspruchsvolle Rollen im Kino und TV zu drehen. Zwischendurch haute er immer mal wieder nach Sardinien ab, um die Ruhe, das bessere Wetter, ja das ganze Leben, zu genießen. Alles typisch deutsch und doch so etwas Besonderes.

Ich habe nie einen „Schimanski“ gesehen, weder im regulären „Tatort“, noch in seiner eigenen Reihe. Für mich war George immer erst Darsteller und danach Kultfigur. Dass er bei „Wetten, dass…“ aneckte und auch sonst immer sagte was er dachte, rundete das Bild eines ganz besonderen Künstlers perfekt ab. Da hätte noch mehr kommen können in den nächsten Jahren. So aber bleibt eine Lücke, die schwer zu füllen sein wird. Was für eine Scheiße!

6 Probleme mit dem Tatort „Im Schmerz geboren“

October 17, 2014 at 2:09 pm

Tatort_Schmerzgeburt
Es ist ja ein Wunder, dass überhaupt Tatorte produziert werden können. Mit einem minimalen Budget, Zeitdruck und Einflussnahme von greisen Redaktionen in den Sendeanstalten scheint es kaum möglich, irgendwas zu filmen. Den wirtschaftlichen Aspekt lassen wir mal außen vor, obwohl dieser gerade eben erst in diesem Artikel zum Schweiger-Tatort beschrieben wird. Das Geheimnis: es lohnt sich eben nicht, einen Tatort zu drehen. Zumindest nicht wirtschaftlich. Und kulturell? Oder kreativ? Hier sind 6 Probleme des letzten Versuchs – noch bis zum Wochenende in der Mediathek abrufbar – , die uns zeigen, wie sinnlos überhaupt eine Diskussion um die Reihe Tatort ist.

1. Overkill
Ein Lolli ist toll. Zuckersüß und was besonderes. Ein Lolli in einem Bonbon-Laden ist schon weniger wert, weil es ja so eine große Auswahl an Süßigkeiten gibt. Ein Lolli in einem Bonbon-Laden in Disneyland geht schließlich unter. Das passiert auch mit Ideen. Eine neue Idee im Tatort ist gut. Ein paar mehr sogar besser. Aber wenn man das Format quasi zumüllt, verliert es nicht nur seinen Reiz, man kann auch das Besondere daran nicht mehr erkennen. Und so gibt es neben einer theatralischen Einleitung eines Schauspielers, der einen Schauspieler spielt, der einen Gangster spielt, der gerne Schauspieler geworden wäre, auch noch allen möglichen anderen überbordenden Kram. Einen Erzähler, der uns mittendrin die Handlung erklärt (oder auch nicht, weil er das Gesehene eigentlich nur wiederkäut), „lebende Gemälde“, Zitate aus anderen Filmen, Büchern, Mythen. Freeze-Frames mit roter Farbgebung! Freeze-Frames, die aussehen wie gemalt! Shakespeare. Noch mehr Shakespeare! Überall Shakespeare, sogar im bolivianischen Dschungel. Einen Mord. Noch einen Mord. Und noch einen Mord! Der Antagonist als wandelnder Sensenmann. Ein Duell, und noch eins, und noch eins, und… noch eins! Sowieso ist der ganze Film ja ein einziges Duell: der Cop gegen den Abtrünnigen. Schade nur, dass einem das immer wieder erklärt werden muss, denn immerzu stehen sich die beiden zwar gegenüber, aber spannend ist das noch lange nicht. Am Ende wirkt das alles so aufgesetzt, dass es jeden Sinn verliert.

2. Musik
Eigentlich gehört die Musik zum ersten Problem, allerdings ist der Overkill dabei besonders eklatant. Wenn man im Vorspann liest „Musik: HR-Sinfonieorchester“, könnte man sich ja fragen, wer der Komponist ist. Doch weit gefehlt! Für diesen besonderen Tatort reicht kein einzelner Künstler, nein, man greift auf einen großen Klassik-Katalog zurück, um möglichst imposant daher zu kommen. Schade nur, dass man damit völlig daneben greift. Wie soll ein kohärentes Klangbild entstehen, wenn man durch verschiedene Stile und Epochen durchrattert und vom Leitmotiv nichts wissen will? Klar, es gibt Regisseure, die aus verschiedenen Songs und klassischen Stücken eine tolle Stimmung erzeugen können (Scorsese, Tarantino). Tatort-Regisseur Florian Schwarz fehlt da doch offenbar das Feingefühl.

3. Altbacken sein
Trotz Overkill bleibt sich der deutsche TV-Krimi aber so treu, dass es zum Heulen ist. Wenn einen das Duell „3 Söhne gegen den Mann in Weiß“ am Anfang nicht mitreißt, hat man noch mal 20 Minuten Zeit, sich irgendwie in diese Story reinzudenken, weil nichts Besonderes passiert. Ach was, denken? Hier wird wie immer alles erklärt, so als sitze ein hirnamputierter Blinder vor dem TV-Gerät. Jules & Jim war ein Film über eine Dreiecksbeziehung. Wiederholen wir das doch auch mindestens dreimal, damit es jeder kapiert. Die blonde Kollegin könnte was von Murot wollen? Das müssen aber auch bitte schön alle Kollegen (und der Antagonist!) nochmal erklären. Sowieso: Murot. Wenn man so wie ich, den Herrn vorher nicht kannte, wird doch auf schön deutsche Manier der Name bei jeder noch so passenden (und unpassenden) Gelegenheit rausposaunt. Murot hier, Murot da. Wie heißt der Kommissar nochmal? Murot, oder? Mein Gott, wer redet denn so? Aber wenn’s denn nur beim Namen bliebe. Nein, ständig muß uns der Böse erklären, was er denn vorhat, damit, wenn’s schließlich passiert, keine Überraschung mehr bleibt. Wir könnten uns ja überanstrengen am Sonntagabend. Aber auch sonst ist Innovation fehl am Platze. Der Vorspann: wird auf keinen Fall aktualisiert, auch wenn er von Stimmung, Grafik und Musik her wirkt, wie ein Relikt aus der Franz-Josef-Strauss-Zeit. Die Kamera: langweilig. Die Farbgebung: unglücklich gewählt (ist es denn nur ein Western, weil sich ein leichter Gelbstich durch die 90 Minuten zieht?). Die Musik: hatten wir schon – muss aber nochmal erwähnt werden, weil sie wohl auch Drama und Theatralik vermitteln soll. Als ginge das nicht anders. Der Schnitt: naja, bloß nicht zu schnell, bloß nicht zu kurz, bloß nicht verwirrend. Das Schauspiel: schwankt zwischen großer Bühne und authentischem Gelaber. Wirkt aber immer schön unrealistisch. Das Drehbuch: das eigentliche Verbrechen dieses Krimis. Eine Rachegeschichte, so unrealistisch und so überstrapaziert, dass sie die verschachtelte Erzählform braucht, denn wenn man die dünne Handlung einfach mal runterbricht, bleibt kaum mehr als ein Satz: Lover trauert um tote Freundin und wird irre dabei. Ach ja, Kind auch tot. Kommissar weiß aber von nix. Super Bulle, oder? Ist ja nicht so, als hätte man nicht beim ersten Erwähnen der Dreiecksbeziehung gewusst, wessen Sohn da so präzise den Scharfschützen mimt. Uh, oh, bloß keine Überraschungen, der Zuschauer könnte ja verwirrt sein.

4. Emotionen
Nicht vorhanden. Ja, Ulrich Matthes spielt einen aus Trauer verrückt gewordenen Mann. Den Wahnsinn nimmt man ihm auch ab, weil kein normal denkender Mensch so einen dummen Plan am anderen Ende der Welt aushecken könnte. Oder weil es wohl keinen normalen Menschen gibt, der einen Vaterschaftstest per Babygeruch hinbekommt. Der ruhige Gegenpol ist also Murot – gespielt von einem unentschiedenen Ulrich Tukur. Soll er denn nun von der Vergangenheit prahlend erzählen, oder doch nur Fakten runterstammeln? Darf er mal etwas Nähe zu seinem Sohn entwickeln? Oder zu seiner Assistentin? Oder zu der Kollegin, die ihn so geil anguckt? Oder darf er nur sauer sein, auf den alten Wegbegleiter? Aber wenigstens versuchen diese beiden ja etwas Emotion rüberzubringen. Allen anderen bleibt dies verwehrt. Abgesehen von der letzten Würgeszene rennt Golo Euler wie benebelt als Bastard David durchs Bild. Von Gefühl keine Spur. Alexander Scheer kann froh sein, dass man ihm eine RockaBilly-Frisur verpasste, sonst könnte man ihn glatt übersehen. Seinen Boss, den Shakepeare-liebenden Mafioso Bosco erwischt es nicht besser. Nur mal kurz zuckt er zusammen, als er vom Tod seiner Söhne erfährt. Ist aber in der nächsten Szene gleich vergessen. Und alle haben sie etwas gemein, dass vielleicht die Theatralik des Tatorts untermalen soll, aber nur unrealistisch daher kommt: sie sterben so schön leise. Drei Jungs kommen zum Duell. Der erste wird abgeknallt, der zweite auch und der dritte steht auch nur zum Umfallen rum. Ihr Vater nicht besser (ja, was passiert wohl mit einem Laserpunkt auf der Brust?). Der waffenhandelnde Autor lässt sich später ganz ruhig die Betonfüße anketten (wirklich, die Betonfüße – im Jahre 2014?!?) und die verräterische Kollegin wartet gemütlich ab, dass ihr Killer einen Schalldämpfer vor die Knarre schraubt, bevor sie dran glauben muss. Am Ende gucken alle doof in die Kamera, beim Gruppenfoto der Toten. War ja alles nur Spiel, nicht wahr? Muss den Zuschauer ja nicht jucken. Bloß kein Gefühl wecken, man soll doch bitte noch schlafen können.

5. Deutschland-Syndrom
Sowieso der Zuschauer. Was hat man nicht alles gelesen zu diesem „Ausnahme-Tatort“. Wie sich die Menschen uneinig waren, ob man sowas zeigen darf. Soviel Blut, soviele Leichen. Au weia. Und dann die Begeisterten! Nicht nur in der Presse, auch im Wohnzimmer. Da werden Kommentare abgegeben, den besten Tatort aller Zeiten gesehen zu haben. Oder dass man sich nicht vor Hollywood verstecken müsste. Oder das Hollywood sowieso doof sei und man es hier doch auch könne. Ehrlich? Das soll Hollywood-Niveau gewesen sein? Ja, wenn man nur Filme vor 1990 gesehen hat, dann vielleicht. Andererseits sagt es natürlich auch etwas über die Qualität der bisherigen Tatorte aus, wenn dieses Mittelmaß schon als Erlösung herhalten kann. Woche für Woche betäubt sich der Deutsche mit „seinem“ Tatort und zwar nicht nur der Alte, der schon seit den Siebzigern dabei ist, sondern auch der Junge, der mit anderen in der Kneipe sitzt und das Angucken zum „Ritual“ zur „Tradition“ ja sogar zum „Kult“ auserkoren hat. Wenn eine Nation sich damit zufrieden gibt, dann steht es schlecht um die Filmvielfalt. Ums Fernsehen sowieso.

6. Die Öffentlich-Rechtlichen
Und da wären wir dann auch beim letzten und größten Problem: Dem zwangsfinanzierten TV, das uns irgendwie seine Existenzberechtigung unterjubeln will und das mit dem einzig funktionierenden Format (neben Fußball) begründen möchte. Ja klar ist der Tatort gut, wenn ihr sonst nur Schrott sendet. Ja klar ist der Tatort was besonderes, wenn die restliche TV-Landschaft nur aus dummen Quizshows, Talkshows, Politiksendungen und Volksmusik besteht. Und dafür zahlt man also knapp 20 Euro im Monat. Dafür, dass dieses lächerlich überzogene und doch viel zu simple Drehbuch durchgewunken wurde? Dass man das heutzutage noch schön langweilig inszenieren darf und es als Tradition verkauft? Dafür, dass Talente vor und hinter der Kamera lügen müssen und den Tatort als das Höchste im TV loben? Dafür dass man diesen Talenten durch altbackene Regeln, politischen Druck und unnötigen Quotenwahn die Chance raubt, mal was richtig Gutes zu machen? Dafür zahlen wir also Gebühren? Wir können uns ja gegenseitig noch so sehr anlügen, aber Fakt ist doch, dass man die 20-Euro-Monatsgebühr eben nicht für eine DVD von „Im Schmerz geboren“ ausgeben würde. Für einen Hollywoodfilm aber schon.

Tatort – Eher nicht… {UPDATE}

December 26, 2013 at 11:05 am

tatort_logo

Ich habe in meinem ganzen Leben bisher 1,5 Tatorte gesehen. Eigentlich wollte ich ein Experiment zur Weihnachtszeit wagen, aber da machten mir die Öffentlich Rechtlichen einen Strich durch die Rechnung.

Der Plan: Alle Tatorte des Jahres in der Mediathek ansehen (bzw. speichern, es gibt Apps für so was) und damit die Weihnachtszeit nutzen.

Das Scheitern: Es gibt alle Tatorte des Jahres nicht in der Mediathek. Es gibt die letzte ausgestrahlte Sendung für 7 Tage zur Ansicht (und das auch erst sein 2010). Das liegt zum Teil an den Musikrechten (in Deutschland allgemein ein Graus und damit Wert, in Zukunft näher beleuchtet zu werden), zum Anderen an den Dritten. WDR, SWR und Co. produzieren nämlich nicht nur die Filme selbst, sondern strahlen auch ständig Wiederholungen der letzten Jahrzehnte (!) aus. Da ich keinen Fernseher besitze, komme ich aber nicht in den Genuss dieser Ausstrahlungen. Es bleibt die Mediathek. Oder eben nicht.

Das Fazit: Es ist schier unmöglich, ohne TV und ständiges Scannen der Dritten, die offensichtliche kulturelle Lücke des „Tatort-Mangels“ zu schließen. Es bliebe vielleicht noch der Weg, in ein paar (überteuerte) DVD-Boxen zu investieren. Die Qualität der bisherigen anderthalb Sendungen haben mich aber nicht überzeugt, eine solche Geld- und Zeitinvestition zu machen.

UPDATE: Ich habe nun 2,5 Tatorte gesehen, denn “Die fette Hoppe” konnte ich Weihnachten im TV erwischen. Da dieser Krimi als “frischer Wind” und “unterhaltsam” beschrieben wurde, bin ich irgendwie ganz froh, mein Experiment mit anderen Ermittlern nicht gemacht zu haben. Denn wenn dieser langweilige (in Handlung und Bildern) Kinderkram als positives Beispiel für die Tatort-Reihe steht, muss ich mir den Rest wohl nicht gönnen. Tschirner und Ulmen spielen ganz gut, einige Dialoge sind auch recht witzig, das täuscht aber nicht über die simple Kernhandlung und die Schwächen aller anderen Abteilungen hinweg. (Wer hat denn da Kameraarbeit geleistet? Geht’s noch uninspirierter?)