Ghost in the Shell (2017) – Kritik

June 10, 2017 at 7:49 pm

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Ghost in the Shell, Regie: Rupert Sanders, 107min, USA

 

Kurz:

In naher Zukunft wird das Hirn einer Polizistin in einen künstlichen Körper verpflanzt. Als Super-Cop jagt sie nun einen Cyberterroristen, der die Hersteller ihrer Roboterhülle nach und nach zur Strecke bringt. Warum will jemand die Technologie aufhalten und warum werden die Ermittlungen von den vermeintlichen Opfern behindert?

Ein Manga wird real verfilmt und löst Kontroverse aus, weil Scarlett Johansson keine echte Asiatin ist. Dabei rettet sie den Film mehr als einmal, während dieser sein Potential zu Gunsten hübscher Bilder und cooler Effekte verpuffen lässt.

 

Lang (Spoiler):

Um es vorweg zu nehmen; der Grund warum eine Amerikanerin die Hauptrolle in Ghost in the Shell ausfüllen kann, wird am Ende des Films so beiläufig erklärt, dass man sich wünscht, er würde mehr als 107 Minuten lang sein. Schließlich wird das Hirn einer jungen Asiatin in einen Roboter-Körper verpflanzt. Und der kann eben auch aussehen wie Scarlett Johansson (zumal die Hersteller der Roboter wohl auch aus dem Westen kommen).

Wie schon in seiner Vorlage spielt er der Film auf fundamentale Themen an, die Menschlichkeit, Technologie und die Kombination aus beidem beinhalten. Leider schafft es Regisseur Rupert Sanders aber nicht, diese Themen zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen. So fragt man sich beim Zusehen, wo man eigentlich hingucken soll. Nicht mit den Augen, sondern mit dem Kopf. Was sollen all die schönen Bilder, wenn sie mich nicht ansprechen?

Im Kern geht es nämlich um so viele kleine Details, dass es sogar schwer fällt, Ghost in the Shell in eine bestimmte Kategorie zu tun. Ist es ein Sci-Fi-Film? Oberflächlich schon. Er spielt in der Zukunft und watet mit imposanten (wenn auch nicht immer überzeugenden) Computereffekten auf. Ist es ein Actionfilm? Ja, es wird schließlich geballert und gekämpft als gelte es die Gewerkschaft der Stuntleute zu retten. Ist es ein Drama? Nur in Ansätzen. Eine Detektivgeschichte? Ja, auch. Ein Polizeithriller? Bestimmt. Von allem ein bisschen, aber nie ein Ganzes. Ein guter Film lässt mich hoffen, dass da noch mehr kommen KANN. Ein schlechter Film lässt mich kalt, weil da noch mehr kommen MUSS.

Es ist vielleicht unfair, einen direkten Vergleich zu ziehen, aber dennoch muss man Ridley Scotts Blade Runner ansprechen. Einen Film, der quasi mit all den gleichen Themen wie Ghost in the Shell spielt und dabei alle Sinne befriedigt. Rein visuell steht der neue Film dem Klassiker in nichts nach, obwohl die Digitalisierung der Effekte mir persönlich immer noch nicht gefällt. Blade Runners Miniaturen und seine Set-Erweiterungen wirken zeitlos gegenüber den animierten Robotern, Vehikeln und Stadtlandschaften von Ghost in the Shell.

Die Musik von Vangelis war ein Meilenstein des elektronischen Soundtracks und auch Clint Mansel und Lorne Balfes Zusammenarbeit ist ein Erfolg, der an Daft Punks Tron:Legacy erinnert. Leider sieht es das Studio nicht so und hat statt eines echten Soundtracks nur eine Compilation mit Songs veröffentlicht. Dieses billige Marketing Tool war schon immer ein Beschiss am Kunden und zeugt auch heute noch von der Respektlosigkeit gegenüber den Komponisten und des Musikliebhabers.

Beide Filme sind eigentlich eine Detektivgeschichte. Blade Runner schickt dabei seinen Protagonisten auf die Suche nach verrückten Robotern, wobei immer die Frage bleibt, ob er nicht selbst einer von ihnen ist. In Ghost in the Shell steckt ein menschliches Hirn in einem Roboter. Die Protagonistin Major sucht nach einem Killer, der sich als ihr Vorgängermodell herausstellt. In beiden Filmen suchen die Hauptfiguren also nach sich selbst. Aber wo es der Klassiker schafft, subtil an der eigenen Menschlichkeit zu zweifeln, haut der neue Film mit dem Holzhammer drauf, lässt das Thema aber irgendwie doch nur als Nebensächlichkeit dahinplätschern. Während in Blade Runner die Leute Schiss haben, vor den künstlichen Menschen (zu Recht?), scheint die Erweiterung, also das Aufrüsten der Marke Mensch, Hauptantrieb der Welt von Ghost in the Shell zu sein. Nur wird nie klar, warum man das denn wollen würde. Majors Kollege Batou (ebenfalls kein Asiate) wird bei einem Einsatz verletzt und lässt sich seine beschädigten Augen durch künstliche Linsen ersetzen. Er scheint damit recht glücklich, was vielleicht ein Gegenbeispiel zum Major sein soll. Ist er damit die Ausnahme oder die Regel? Lohnt es sich also nur, zum halben Roboter zu werden, wenn es die Krankenkasse übernimmt? Sind die Operationen gefährlich? Sollen die Ersatzteile auf den menschlichen Wunsch nach Perfektion, Unsterblichkeit oder Bewusstseinserweiterung anspielen? Wir erfahren es nie.

Und was bedeutet Menschsein? Diese Frage wird nur auf Major abgewälzt, weil ihre Umwelt sie nicht beantwortet. Im Hongkong oder Tokio dieses Films (die Stadt wird nie vorgestellt) wollen also alle Menschen zu halben Robotern werden, ohne zu wissen warum. Major ist das einzige Geschöpf, das diesem Wunsch nahe kommt und sie hat offenbar große Probleme mit dieser Rolle. Auch hier wählt Blade Runner die interessantere Sichtweise, wenn der Protagonist ähnlichen Fragen ausgesetzt wird, diese aber durch sein Gegenüber reflektieren muss: Der Erfinder der Maschinen wird von seiner eigenen Schöpfung ermordet. Dem Killer-Roboter steht der Unschulds-Roboter gegenüber, in den sich der Protagonist auch noch verliebt. Am Ende des Films philosophiert selbst der Mörder über den Sinn des Lebens und berührt uns mit seiner Menschlichkeit.

Wenn also die „wichtigen Fragen der Menschheit“ in Ghost in the Shell nicht beantwortet werden, bleibt wenigstens gute Unterhaltung?

Wer Geballer mag, kommt auf seine Kosten. Major und ihre Truppe schießen sich wild durch den Plot und tun dabei so, als wäre das Detektivarbeit. Tatsächlich scheint die Jagd nach Spuren zufällig abzulaufen. Jedes Mal wenn es keine Hinweise auf den Verbleib des Cyberterroristen gibt, verübt dieser einen Anschlag. So kommen Major und ihre (unwichtige) Truppe Stück für Stück, Set für Set, Schießerei für Schießerei weiter.

Enttäuschend ist die Auflösung dann trotzdem. Nicht nur, dass der Cyberterrorist ein Vorgängermodell von Major ist, nein in ihrem vorigen Leben kannten sich die beiden schon. Sie waren Ausreißer, die von der bösen, bösen Roboter-Firma eingefangen und gegen ihren Willen für Experimente missbraucht wurden.

Daraus entstehen zwei Probleme; erstens das Klischee der skrupellosen Tech-Riesen und zweitens das Ignorieren der Vorgeschichte Majors. Der Tech-Riese als Antagonist ist so alt wie das Industriezeitalter selbst und damit ziemlich uninteressant. Und um Majors Leben etwas Tiefe zu verleihen, wird ihre Mutter spät in den Film gezogen und soll so emotionales Gewicht verleihen. Aber das Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter wirkt völlig belanglos, quasi nicht zu Ende erzählt. Also wissen wir so gut wie nichts über die Teenagerin, die später zu Major wurde. Schlimmer noch, es interessiert uns gar nicht.

Noch kurz zum allgemeinen Gefühl. Irgendwie scheint der Film total veraltet, was natürlich auch an seiner Quelle liegt. Das Manga ist von 1989. Zum Ende der Achtziger war Cyberpunk noch frisch, waren Ausreißer noch ein Thema (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) und die Übernahme der Welt durch Maschinen und Computerprogramme eine Bedrohung. Heutzutage geben wir unser ganzes Leben auf Facebook preis und spielen mit Drohnen Überwachungsstaat. Die Ästhetik der Bilder ist stark vom Manga bzw. Anime inspiriert, die Musik eine Hommage an Elektrosynth. Alles fühlt sich an, wie schon mal da gewesen und kann leider nicht durch spannende Handlung aufgewertet werden. Die Chance, die Fragen und Ängste der heutigen Zeit zu reflektieren, wurde so leider vertan.

Hollywood kann vielleicht nie tiefgründige Science Fiction produzieren. Man soll ja auch nicht unbedingt philosophierend aus dem Kinosaal kommen und sein Leben überdenken. Aber The Matrix, Interstellar, Ex Machina oder Arrival haben bewiesen, dass moderne Sci-Fi-Filme durchaus Unterhaltung und Tiefe miteinander verbinden können. Ghost in the Shell hat all die richtigen Ansätze und traut sich dennoch nicht, einen einzigen davon auszuformulieren. Somit bleibt einem die Kontroverse ums Casting mehr im Gedächtnis als der eigentliche Film.

Lucy – Kritik

October 16, 2014 at 10:38 am

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Lucy, Regie: Luc Besson, 89min, Frankreich 2014
3Sterne_lang
Kurz:
Scarlett Johannson wird in Asien mit einer Wunderdroge infiziert, die ihr Zugang zu 100% ihrer Hirnleistung gibt und dadurch zu einem Superwesen mutieren lässt. Das klingt tausend mal besser, als es in diesem konfusen, völlig banalen Luc-Besson-Film umgesetzt wurde. Glücklicherweise reicht eine normale Hirnleistung aus, um zu erkennen, dass man sich seine Zeit für etwas Besseres aufheben sollte.

Lang (Spoilers):
„Suspension of Disbelief“ umschreibt den Zustand, den ein Zuschauer erreichen muss, um in Filmen präsentierte Realitäten als „wahr“ erscheinen zu lassen. Wird dies nicht erreicht, kann er nicht in die Filmwelt eintauchen und bleibt mit verlorenem Blick von Außen vor einer Aneinanderreihung von Szenen, die ihn emotional und intellektuell kalt lassen.

Luc Besson hat ein paar tolle Filme gedreht. In den 90ern. Märchen, wie Das 5. Element, oder coole Thriller wie Leon – Der Profi. Das ist lange her und es scheint, als hätte er eine Entwicklung zurück zum Anfänger-Filmer gemacht. Wie anders soll man erklären, dass Lucy in keiner Minute funktioniert, ja dass die ganze Prämisse des Films so bescheuert ist, dass man sich ständig fragt, ob hier willentlich Verarsche am Zuschauer betrieben wird, oder ob es Besson einfach nicht interessiert hat, länger als zwei Stunden am Drehbuch zu schreiben. Die Idee, einen Über-Menschen zu kreieren, noch dazu eine junge, schöne Frau, ist ja nicht neu, sondern wurde von ihm im 5. Element grandios umgesetzt. Aber zu denken, man könne die Sci-Fi-Elemente des Märchens entfernen und trotzdem zu einem überzeugenden Ergebnis kommen, lässt erahnen, dass der Regisseur und Autor hier tatsächlich nur 10% seines Hirns benutzt hat. Und darum geht es ja: dass wir Menschen nur einen Bruchteil unseres Denkapparats benutzen und uns daher die ganze Welt verschlossen bleibt. Mal abgesehen davon, dass diese These schon seit Jahrzehnten widerlegt wurde, ist es schon völlig hanebüchen, die 20%-Hürde durch eine Wunderdroge knacken zu können.

Aber genau das will uns Besson hier weismachen. Lucy, ein junges Dummchen in Asien, wird unfreiwillig zur menschlichen Drogenlieferantin. Sie trägt ein mysteriöses Paket in ihrem Bauch – super beim eigenen 5. Element geklaut – soll das eine Homage sein oder ist das Schreibfaulheit? Dann reißt das Paket und setzt die Droge in ihrem Organismus frei. Und schwups, hat man die nächste Stunde Zeit, sich mit anzusehen, wie Lucys Hirnaktivität Sprünge macht, von 30% zu 100% und sie damit vom Menschen zu Gott werden lässt. Weil, ist ja klar, wir sind alle Götter, die ihr Potential nicht kennen. Logo, so hat das die Natur gemacht. Am Ende können wir Zeitreisen (oder uns das Universum erklären, oder so) und werden zu Supercomputern. Das hat ja dieses Jahr schon mal richtig gut geklappt (siehe Transcendence). Morgan Freeman läuft als Wissenschaftler durchs Bild, um dem Ganzen etwas Seriöses zu geben (siehe Transcendence) und kann diesen Schrott trotzdem nicht retten (siehe Transcendence).

Aber wenigstens gibt es Action, oder? Schließlich hat Besson nicht nur Leon gedreht, sondern auch die Transporter– und Taken-Filme produziert. Wie kann es da sein, dass die Action aussieht wie aus einem Studentenfilm? Wie kann das Überwesen Lucy noch durch eine Waffe bedroht werden? Die Antwort: sie kann es nicht. Wieso gibt es am Ende des Films trotzdem einen Climax, der uns ein Hong-Kong-Kino-Shootout vorsetzt? Was macht ein Franzosen-Cop eigentlich da mittendrin?
Es bleibt die Frage, ob Besson wider besseren Wissens einen Schrott-Film gedreht hat, oder ob er sich gar nicht bewusst war, was für eine Grütze da rauskam. War ihm nicht bewusst, dass die Mutation zum Superwesen Lucy zu einer emotional kalten, nicht identifizierbaren Person macht, dass dem Publikum also keine Figur bleibt, an die er sich binden kann?

Aber ohne Gefühle ist jedes Kino ein Totgeburt. Hat Besson sich Das 5. Element seit dessen Entstehung nicht mehr angesehen? Einen Film, der „Liebe triumphiert über alles“ propagiert? Oder Leon, der im Kern doch die tiefe Freundschaft zweier Außenseiter zeigt? Oder selbst Taken, der uns zumindest halbherzig versucht, Liam Neeson als von Fürsorge getriebenen Vater zu verkaufen? Hat er einfach vergessen, was seine Filme mal besonders machte?

Vielleicht ist Lucy aber auch einfach nur zu unrealistisch. Wunderdroge, Mutation, Gottcomputer – all das könnte irgendwie funktionieren, wenn man seinem Publikum ein wenig Intelligenz zutrauen würde. Aber leider denkt Besson offenbar, dass wir unser Hirn wirklich nur in Bruchteilen nutzen. Für Lucy sind 10% allerdings noch zu viel.