Robocop (2014) – Kritik

March 10, 2014 at 11:08 pm

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Robocop, Regie: José Padilha, 117 min, 2014

5Sterne

 

 

Kurz:

Ein verstümmelter Cop wird in einen Roboteranzug gesteckt um fortan gegen das Verbrechen zu kämpfen, bis er entdeckt, dass er Teil des korrupten Systems ist. Ein unterhaltsamer, wenn auch irgendwie überflüssiger Sci-Fi-Film, der wie zu erwarten nicht an das Original rankommt. Ein Film, der fast zu intelligent fürs heutige Actionkino scheint – nur um im 3. Akt zu beweisen, dass er doch total enttäuschen kann.

Lang (SPOILER):
In naher Zukunft will die Technikfirma OCP ihre Militärroboter aus den Krisengebieten der Welt endlich nach Amerika holen. Die Polizei braucht dringend Unterstützung beim Kampf gegen das Verbrechen an der „Homefront“. Doch wie soll man das Gesetz umgehen, welches den Einsatz von Robotern als Verbrechenskämpfer verbietet? Mit Lobbyarbeit und einem Trick: einfach einen Menschen in die Maschine stecken und schon kann man mit Militärtechnik auch zuhause Kohle verdienen. Da trifft es sich gut, dass Polizist Alex Murphy gerade von einer Autobombe verstümmelt wurde. Seine Frau gibt die Einwilligung, aus  dem Rest seines Körpers eine Mensch-Roboter-Kombi zu machen und damit beginnt der Film dann auch seine eigentlichen Mission. Nach einer gefühlten ganzen Stunde! Man nimmt sich Zeit mit der Herstellung des Supercops. Das gibt dem Film Tiefe. Seiner Hauptfigur, dessen Familie, dem Wissenschaftler, der aus einem Krüppel den Übermenschen schafft. Selbst die Motivation von OCP wird durch und durch beleuchtet (es geht um Profit).

Nachdem Murphy die Hersteller der Autobombe, welche ihn töten sollte, zur Strecke gebracht hat, ist man auch schon im dritten Akt des Films und stellt fest, dass die Filmemacher alles vergessen haben, was denn in diesen Teil des Dramas reingehört:
Ein Bösewicht? Vergessen (und schnell mal gezaubert)!
Ein ebenbürtiger Gegner für die Supermaschine? Vergessen! (naja, gibt’s irgendwie schon, aber völlig unspektakulär)
Ein spannendes Ende? Vergessen! (wie soll’s das auch geben, wenn Bösewicht und ernsthafter Konflikt fehlen?)

Ich habe mir dieses Remake von Paul Verhoevens Meisterwerk Robocop (1988) gern angesehen und bin trotzdem total enttäuscht worden. Titelfigur Alex Murphy wird dieses Mal von Joel Kinnaman gespielt, dem ein paar sehr gute Schauspieler zur Seite stehen. Gary Oldman spielt den Wissenschaftler, der Robocop baut und die moralische Balance des Films ist (inklusive Gewissenskonflikt und Wiedergutmachung). Michael Keaton spielt den Firmenchef von OCP für die meiste Zeit des Films als sympathischen Boss der Neuzeit – bis er am Ende zu einem Killer werden soll. Völlig fehl am Platz. Jay Baruchel spielt den Comic Relief. Michael K. Williams (aka The Wires Omar Little) ist Murphys verlässlicher Partner. Selbst Jackie Earle Haley (aka Watchmens Rorschach) ist als olles Militär-Arschloch dabei. So gut, so richtig. Und sie allen nehmen teil an der Verwandlung vom Menschen zur Maschine und zurück zum Menschen. Alles super. Bringt nur nichts, wenn der Film zum Ende hin auseinander fällt.

Und nun zum unweigerlichen Vergleich mit dem Original: Alles vergessen, was Verhoevens Film so gut gemacht hat. Zum einen die Gewalt, die 1988 nicht nur eine Parodie auf Hollywoods Actionkracher der 80er war, sondern auch die grauenvollen Zustände vom Detroit der Zukunft beschreiben durfte. Diesem neuen PG-13 Film fehlt das ganze Blut (und der beißende Sarkasmus) notgedrungen, weil man durch weniger Gewaltdarstellung ein breiteres Publikum erreichen möchte (es sich aber nicht nehmen lässt, minutenlang auf ein ekeliges, freiliegendes Gehirn zu filmen). Dadurch gerät aber die Dringlichkeit einen Robocop in US-Städte zu bringen, total in den Hintergrund. Man sieht das Elend kaum (tatsächlich ist das heutige Detroit näher an Verhoevens Vision, als das im Film gezeigte!). Auch die Reaktionen auf Gewalt sind unterschiedlich. Während es im Original vor Ignoranz und Witz so sprudelte, erweckt das Fehlen der Bluttaten weder Emotionen bei den Charakteren, noch beim Publikum. Die Medienkritik konnte vor 25 Jahren die 24-Stunden-News-Networks noch nicht voraussagen, kam aber der Sache schon nahe. Dagegen wirkt Samuel L. Jacksons TV-Kommentator wie eine lahme Bill-O’Reilly-Version und ist leider gar nicht lustig. Seine Gimmicks (Aufpoppen von Videos, Hologramme im Studio) gibt zwar die derzeitige „Strategie“ von CNN wider, aber wo sind denn die ganzen Grafiken drum rum? Will man uns weiß machen, dass diese in Zukunft wieder abgeschafft werden? Eher unglaubwürdig. Sowieso ist der Sci-Fi-Anteil im Film reduziert auf alles, was mit Robotern zu tun hat. Die Stadt, die Häuser, die Kleidung, die Musik, selbst die Waffen sehen aus, wie von heute. Da wirken die OCP-Maschinen sehr befremdlich. Sowieso muss man sich fragen, wer denn die tolle Idee hatte, aus dem Hauptgegner des Originals „ED-209“ eine lahme Kopie zu machen, deren Existenz durch menschenartige Roboter zusätzlich in Frage gestellt wird. Mal abgesehen davon, dass weder dem neuen Ed-209, noch seinem humanoiden Counterpart, irgendeine Art von Persönlichkeit zugestanden werden, wird nicht erklärt, warum es denn diese zwei so völlig unterschiedlichen Modelle gibt. Die Mensch-Maschine soll natürlich zeigen, dass es für OCP kein Problem ist, einen Kopf auf einen Roboteranzug zu stecken, wie es später bei Murphy passiert. Das ist aber ein billiger Drehbuchkniff, der nie richtig ausgespielt wird. Zumal die tollen Zweibeiner vom Robocop  schon in der ersten Übung zu Zielscheiben degradiert werden, die es nur umzuballern gilt. Bleiben die Charaktere: Murphy und Familie werden gut beleuchtet. Allerdings wird hier weniger den Kampf von der Leiche zurück zum Menschen gezeigt, sondern… ja, was eigentlich? Abgesehen von der ersten Zurückhaltung Murphys überhaupt leben zu wollen, ist seine Persönlichkeit, sobald er den Anzug an hat, voll ausgeprägt. Sie wird vielleicht durch ein paar Drogen beeinflusst, es gilt sogar, sie durch die Programmierung hindurchzuschleusen (äh, wie bitte?), aber mit einem Reifeprozess, oder einer echten Entwicklung hat das wenig zu tun. Die Nebenfiguren bieten da mehr Spaß. Oldmans Wissenschaftler menschelt und zweifelt wo es nur geht und Keatons CEO darf genauso sein, wie man sich den Geschäftsführer von heute wünscht (oder fürchtet). Die Wandlung des Letzteren zum skrupellosen Killer kann aber nicht einmal jemand wie Keaton glaubwürdig darstellen, was letztlich am Script liegen muss, denn dieser Mann hat eindeutig das Zeug zum Psychopaten. Von Murphys „Killer“ oder seinen korrupten Kollegen muss man nicht schreiben, da sie so facettenlos sind, dass man ihnen gleich Namen wie „Plot Device“ hätte geben können. Vorbei die Zeit, in der es bei OCP Machtkämpfe im Vorstand gab und niemand so recht wusste, wer denn das größere Arschloch ist. Vorbei die Zeit, in der Clarence Boddicker als echter Killer mit Horror-Gang auftreten konnte („Bitches leave!“). Vorbei die Zeit, in der man um Murphys Partner bangen durfte und die Freundschaft der beiden Cops mehr als nur Plattitüde war.

Nein, auch wenn der neue Film sich bei ein paar Zitaten des Originals bedient, im Vergleich schneidet er unterdurchschnittlich ab.