Lucy – Kritik

October 16, 2014 at 10:38 am

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Lucy, Regie: Luc Besson, 89min, Frankreich 2014
3Sterne_lang
Kurz:
Scarlett Johannson wird in Asien mit einer Wunderdroge infiziert, die ihr Zugang zu 100% ihrer Hirnleistung gibt und dadurch zu einem Superwesen mutieren lässt. Das klingt tausend mal besser, als es in diesem konfusen, völlig banalen Luc-Besson-Film umgesetzt wurde. Glücklicherweise reicht eine normale Hirnleistung aus, um zu erkennen, dass man sich seine Zeit für etwas Besseres aufheben sollte.

Lang (Spoilers):
„Suspension of Disbelief“ umschreibt den Zustand, den ein Zuschauer erreichen muss, um in Filmen präsentierte Realitäten als „wahr“ erscheinen zu lassen. Wird dies nicht erreicht, kann er nicht in die Filmwelt eintauchen und bleibt mit verlorenem Blick von Außen vor einer Aneinanderreihung von Szenen, die ihn emotional und intellektuell kalt lassen.

Luc Besson hat ein paar tolle Filme gedreht. In den 90ern. Märchen, wie Das 5. Element, oder coole Thriller wie Leon – Der Profi. Das ist lange her und es scheint, als hätte er eine Entwicklung zurück zum Anfänger-Filmer gemacht. Wie anders soll man erklären, dass Lucy in keiner Minute funktioniert, ja dass die ganze Prämisse des Films so bescheuert ist, dass man sich ständig fragt, ob hier willentlich Verarsche am Zuschauer betrieben wird, oder ob es Besson einfach nicht interessiert hat, länger als zwei Stunden am Drehbuch zu schreiben. Die Idee, einen Über-Menschen zu kreieren, noch dazu eine junge, schöne Frau, ist ja nicht neu, sondern wurde von ihm im 5. Element grandios umgesetzt. Aber zu denken, man könne die Sci-Fi-Elemente des Märchens entfernen und trotzdem zu einem überzeugenden Ergebnis kommen, lässt erahnen, dass der Regisseur und Autor hier tatsächlich nur 10% seines Hirns benutzt hat. Und darum geht es ja: dass wir Menschen nur einen Bruchteil unseres Denkapparats benutzen und uns daher die ganze Welt verschlossen bleibt. Mal abgesehen davon, dass diese These schon seit Jahrzehnten widerlegt wurde, ist es schon völlig hanebüchen, die 20%-Hürde durch eine Wunderdroge knacken zu können.

Aber genau das will uns Besson hier weismachen. Lucy, ein junges Dummchen in Asien, wird unfreiwillig zur menschlichen Drogenlieferantin. Sie trägt ein mysteriöses Paket in ihrem Bauch – super beim eigenen 5. Element geklaut – soll das eine Homage sein oder ist das Schreibfaulheit? Dann reißt das Paket und setzt die Droge in ihrem Organismus frei. Und schwups, hat man die nächste Stunde Zeit, sich mit anzusehen, wie Lucys Hirnaktivität Sprünge macht, von 30% zu 100% und sie damit vom Menschen zu Gott werden lässt. Weil, ist ja klar, wir sind alle Götter, die ihr Potential nicht kennen. Logo, so hat das die Natur gemacht. Am Ende können wir Zeitreisen (oder uns das Universum erklären, oder so) und werden zu Supercomputern. Das hat ja dieses Jahr schon mal richtig gut geklappt (siehe Transcendence). Morgan Freeman läuft als Wissenschaftler durchs Bild, um dem Ganzen etwas Seriöses zu geben (siehe Transcendence) und kann diesen Schrott trotzdem nicht retten (siehe Transcendence).

Aber wenigstens gibt es Action, oder? Schließlich hat Besson nicht nur Leon gedreht, sondern auch die Transporter– und Taken-Filme produziert. Wie kann es da sein, dass die Action aussieht wie aus einem Studentenfilm? Wie kann das Überwesen Lucy noch durch eine Waffe bedroht werden? Die Antwort: sie kann es nicht. Wieso gibt es am Ende des Films trotzdem einen Climax, der uns ein Hong-Kong-Kino-Shootout vorsetzt? Was macht ein Franzosen-Cop eigentlich da mittendrin?
Es bleibt die Frage, ob Besson wider besseren Wissens einen Schrott-Film gedreht hat, oder ob er sich gar nicht bewusst war, was für eine Grütze da rauskam. War ihm nicht bewusst, dass die Mutation zum Superwesen Lucy zu einer emotional kalten, nicht identifizierbaren Person macht, dass dem Publikum also keine Figur bleibt, an die er sich binden kann?

Aber ohne Gefühle ist jedes Kino ein Totgeburt. Hat Besson sich Das 5. Element seit dessen Entstehung nicht mehr angesehen? Einen Film, der „Liebe triumphiert über alles“ propagiert? Oder Leon, der im Kern doch die tiefe Freundschaft zweier Außenseiter zeigt? Oder selbst Taken, der uns zumindest halbherzig versucht, Liam Neeson als von Fürsorge getriebenen Vater zu verkaufen? Hat er einfach vergessen, was seine Filme mal besonders machte?

Vielleicht ist Lucy aber auch einfach nur zu unrealistisch. Wunderdroge, Mutation, Gottcomputer – all das könnte irgendwie funktionieren, wenn man seinem Publikum ein wenig Intelligenz zutrauen würde. Aber leider denkt Besson offenbar, dass wir unser Hirn wirklich nur in Bruchteilen nutzen. Für Lucy sind 10% allerdings noch zu viel.