Ghost in the Shell (2017) – Kritik

June 10, 2017 at 7:49 pm

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Ghost in the Shell, Regie: Rupert Sanders, 107min, USA

 

Kurz:

In naher Zukunft wird das Hirn einer Polizistin in einen künstlichen Körper verpflanzt. Als Super-Cop jagt sie nun einen Cyberterroristen, der die Hersteller ihrer Roboterhülle nach und nach zur Strecke bringt. Warum will jemand die Technologie aufhalten und warum werden die Ermittlungen von den vermeintlichen Opfern behindert?

Ein Manga wird real verfilmt und löst Kontroverse aus, weil Scarlett Johansson keine echte Asiatin ist. Dabei rettet sie den Film mehr als einmal, während dieser sein Potential zu Gunsten hübscher Bilder und cooler Effekte verpuffen lässt.

 

Lang (Spoiler):

Um es vorweg zu nehmen; der Grund warum eine Amerikanerin die Hauptrolle in Ghost in the Shell ausfüllen kann, wird am Ende des Films so beiläufig erklärt, dass man sich wünscht, er würde mehr als 107 Minuten lang sein. Schließlich wird das Hirn einer jungen Asiatin in einen Roboter-Körper verpflanzt. Und der kann eben auch aussehen wie Scarlett Johansson (zumal die Hersteller der Roboter wohl auch aus dem Westen kommen).

Wie schon in seiner Vorlage spielt er der Film auf fundamentale Themen an, die Menschlichkeit, Technologie und die Kombination aus beidem beinhalten. Leider schafft es Regisseur Rupert Sanders aber nicht, diese Themen zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen. So fragt man sich beim Zusehen, wo man eigentlich hingucken soll. Nicht mit den Augen, sondern mit dem Kopf. Was sollen all die schönen Bilder, wenn sie mich nicht ansprechen?

Im Kern geht es nämlich um so viele kleine Details, dass es sogar schwer fällt, Ghost in the Shell in eine bestimmte Kategorie zu tun. Ist es ein Sci-Fi-Film? Oberflächlich schon. Er spielt in der Zukunft und watet mit imposanten (wenn auch nicht immer überzeugenden) Computereffekten auf. Ist es ein Actionfilm? Ja, es wird schließlich geballert und gekämpft als gelte es die Gewerkschaft der Stuntleute zu retten. Ist es ein Drama? Nur in Ansätzen. Eine Detektivgeschichte? Ja, auch. Ein Polizeithriller? Bestimmt. Von allem ein bisschen, aber nie ein Ganzes. Ein guter Film lässt mich hoffen, dass da noch mehr kommen KANN. Ein schlechter Film lässt mich kalt, weil da noch mehr kommen MUSS.

Es ist vielleicht unfair, einen direkten Vergleich zu ziehen, aber dennoch muss man Ridley Scotts Blade Runner ansprechen. Einen Film, der quasi mit all den gleichen Themen wie Ghost in the Shell spielt und dabei alle Sinne befriedigt. Rein visuell steht der neue Film dem Klassiker in nichts nach, obwohl die Digitalisierung der Effekte mir persönlich immer noch nicht gefällt. Blade Runners Miniaturen und seine Set-Erweiterungen wirken zeitlos gegenüber den animierten Robotern, Vehikeln und Stadtlandschaften von Ghost in the Shell.

Die Musik von Vangelis war ein Meilenstein des elektronischen Soundtracks und auch Clint Mansel und Lorne Balfes Zusammenarbeit ist ein Erfolg, der an Daft Punks Tron:Legacy erinnert. Leider sieht es das Studio nicht so und hat statt eines echten Soundtracks nur eine Compilation mit Songs veröffentlicht. Dieses billige Marketing Tool war schon immer ein Beschiss am Kunden und zeugt auch heute noch von der Respektlosigkeit gegenüber den Komponisten und des Musikliebhabers.

Beide Filme sind eigentlich eine Detektivgeschichte. Blade Runner schickt dabei seinen Protagonisten auf die Suche nach verrückten Robotern, wobei immer die Frage bleibt, ob er nicht selbst einer von ihnen ist. In Ghost in the Shell steckt ein menschliches Hirn in einem Roboter. Die Protagonistin Major sucht nach einem Killer, der sich als ihr Vorgängermodell herausstellt. In beiden Filmen suchen die Hauptfiguren also nach sich selbst. Aber wo es der Klassiker schafft, subtil an der eigenen Menschlichkeit zu zweifeln, haut der neue Film mit dem Holzhammer drauf, lässt das Thema aber irgendwie doch nur als Nebensächlichkeit dahinplätschern. Während in Blade Runner die Leute Schiss haben, vor den künstlichen Menschen (zu Recht?), scheint die Erweiterung, also das Aufrüsten der Marke Mensch, Hauptantrieb der Welt von Ghost in the Shell zu sein. Nur wird nie klar, warum man das denn wollen würde. Majors Kollege Batou (ebenfalls kein Asiate) wird bei einem Einsatz verletzt und lässt sich seine beschädigten Augen durch künstliche Linsen ersetzen. Er scheint damit recht glücklich, was vielleicht ein Gegenbeispiel zum Major sein soll. Ist er damit die Ausnahme oder die Regel? Lohnt es sich also nur, zum halben Roboter zu werden, wenn es die Krankenkasse übernimmt? Sind die Operationen gefährlich? Sollen die Ersatzteile auf den menschlichen Wunsch nach Perfektion, Unsterblichkeit oder Bewusstseinserweiterung anspielen? Wir erfahren es nie.

Und was bedeutet Menschsein? Diese Frage wird nur auf Major abgewälzt, weil ihre Umwelt sie nicht beantwortet. Im Hongkong oder Tokio dieses Films (die Stadt wird nie vorgestellt) wollen also alle Menschen zu halben Robotern werden, ohne zu wissen warum. Major ist das einzige Geschöpf, das diesem Wunsch nahe kommt und sie hat offenbar große Probleme mit dieser Rolle. Auch hier wählt Blade Runner die interessantere Sichtweise, wenn der Protagonist ähnlichen Fragen ausgesetzt wird, diese aber durch sein Gegenüber reflektieren muss: Der Erfinder der Maschinen wird von seiner eigenen Schöpfung ermordet. Dem Killer-Roboter steht der Unschulds-Roboter gegenüber, in den sich der Protagonist auch noch verliebt. Am Ende des Films philosophiert selbst der Mörder über den Sinn des Lebens und berührt uns mit seiner Menschlichkeit.

Wenn also die „wichtigen Fragen der Menschheit“ in Ghost in the Shell nicht beantwortet werden, bleibt wenigstens gute Unterhaltung?

Wer Geballer mag, kommt auf seine Kosten. Major und ihre Truppe schießen sich wild durch den Plot und tun dabei so, als wäre das Detektivarbeit. Tatsächlich scheint die Jagd nach Spuren zufällig abzulaufen. Jedes Mal wenn es keine Hinweise auf den Verbleib des Cyberterroristen gibt, verübt dieser einen Anschlag. So kommen Major und ihre (unwichtige) Truppe Stück für Stück, Set für Set, Schießerei für Schießerei weiter.

Enttäuschend ist die Auflösung dann trotzdem. Nicht nur, dass der Cyberterrorist ein Vorgängermodell von Major ist, nein in ihrem vorigen Leben kannten sich die beiden schon. Sie waren Ausreißer, die von der bösen, bösen Roboter-Firma eingefangen und gegen ihren Willen für Experimente missbraucht wurden.

Daraus entstehen zwei Probleme; erstens das Klischee der skrupellosen Tech-Riesen und zweitens das Ignorieren der Vorgeschichte Majors. Der Tech-Riese als Antagonist ist so alt wie das Industriezeitalter selbst und damit ziemlich uninteressant. Und um Majors Leben etwas Tiefe zu verleihen, wird ihre Mutter spät in den Film gezogen und soll so emotionales Gewicht verleihen. Aber das Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter wirkt völlig belanglos, quasi nicht zu Ende erzählt. Also wissen wir so gut wie nichts über die Teenagerin, die später zu Major wurde. Schlimmer noch, es interessiert uns gar nicht.

Noch kurz zum allgemeinen Gefühl. Irgendwie scheint der Film total veraltet, was natürlich auch an seiner Quelle liegt. Das Manga ist von 1989. Zum Ende der Achtziger war Cyberpunk noch frisch, waren Ausreißer noch ein Thema (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) und die Übernahme der Welt durch Maschinen und Computerprogramme eine Bedrohung. Heutzutage geben wir unser ganzes Leben auf Facebook preis und spielen mit Drohnen Überwachungsstaat. Die Ästhetik der Bilder ist stark vom Manga bzw. Anime inspiriert, die Musik eine Hommage an Elektrosynth. Alles fühlt sich an, wie schon mal da gewesen und kann leider nicht durch spannende Handlung aufgewertet werden. Die Chance, die Fragen und Ängste der heutigen Zeit zu reflektieren, wurde so leider vertan.

Hollywood kann vielleicht nie tiefgründige Science Fiction produzieren. Man soll ja auch nicht unbedingt philosophierend aus dem Kinosaal kommen und sein Leben überdenken. Aber The Matrix, Interstellar, Ex Machina oder Arrival haben bewiesen, dass moderne Sci-Fi-Filme durchaus Unterhaltung und Tiefe miteinander verbinden können. Ghost in the Shell hat all die richtigen Ansätze und traut sich dennoch nicht, einen einzigen davon auszuformulieren. Somit bleibt einem die Kontroverse ums Casting mehr im Gedächtnis als der eigentliche Film.

Alien: Covenant (2017) – Kritik

June 4, 2017 at 2:11 pm

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3Sterne_lang

Alien: Covenant, Regie: Ridley Scott, 122min, USA

Kurz:

Völlig überflüssiger, unnötig brutaler aber auch absolut langweiliger Film, der die Intelligenz seines Zuschauers nicht nur anzweifelt, sondern ganz gezielt beleidigt.

Lang (Spolier!):

Ridley Scotts Fortsetzung zu Prometheus (2012) soll die Brücke zu seinem Meisterwerk Alien (1979) schlagen und verfehlt nicht nur dieses Ziel, sondern auch die Aufgabe, die Fragen des letzten Films befriedigend zu beantworten. Er zeigt einmal mehr, dass das Alien-Franchise im Grunde genommen tot ist und dass Scott überhaupt keine Lust hat, es wiederzubeleben. Dem Regisseur sind seine menschlichen Charaktere völlig egal – damit disqualifiziert sich der Film als Prometheus-Sequel. Ihm sind aber auch die Monster egal – damit disqualifiziert sich der Film als Alien-Prequel. Stattdessen wird uns hier ein Film angeboten, der den Protagonisten und Antagonisten in Form eines Androiden präsentiert. Damit kann man sich nur schwer identifizieren, auch wenn Michael Fassbender in der Doppelrolle des zurückhaltenden Walter und des verrückten David schauspielerisch glänzt.
Aber was ist schlimmer? Ein Alien-Film ohne sein Titel-Monster oder ein Alien-Film ohne Sinn und Verstand? Da wo der Vorgänger noch versuchte, pseudointellektuell die Ursprünge des menschlichen Lebens zu ergründen, haut Alien: Covenant mit dem Holzhammer drauf, um uns die Ursprünge des schwarzen Monsters zu erklären: David. Ja, der Roboter des letzten Films, dessen Arschloch-Attitüde schon in einigen Momenten durchscheinen durfte, wird vollends zum verrückten Frankenstein hochstilisiert. Keine Alien-Queen, die Eier legt, nein ein durchgeknallter Android hat diese perfekte Spezies erschaffen. Unter anderem nutze er dafür die Leiche der Heldin des letzten Films. Jawohl, so scheisst man noch retroaktiv auf den Vorgängerfilm. Scott meinte in einem Interview verstanden zu haben, was dem Zuschauer 2012 fehlte: das Original Monster. Nicht etwa glaubwürdige Charaktere oder echte Spannung, nein, es war wohl nur das falsche Design. Und bloß keine gottesähnlichen Glatzköpfe, die sich unter uralten Helmen verbargen. Also ist die logische Konsequenz, einen Film zu präsentieren, der die Glatzköpfe per Genozid auslöscht und das Originaldesign zurückbringt.
Im Netz gibt es inzwischen Unmengen an Analysen, was alles mit diesem Film falsch läuft, warum das Alien-Franchise tot ist und warum man Scott keinen Film mehr machen lassen sollte. Das kann man sich durchlesen und allem zustimmen. Oder man überlegt einfach, warum die letzten zwanzig Minuten von Alien: Covenant nicht funktionieren. Liegt es daran, dass wir das Monster-im-Schiff-Szenario schon mal gesehen haben und überhaupt keine Spannung aufkommt? Dass uns keiner der toten Charaktere interessiert? Dass ihre Tode zwar absolut ekelig inszeniert wurden, aber leider in keiner Weise etwas bedeuten? Dass der Sieg über das Monster eine Wiederholung von allem bisherigen ist? Oder dass uns das alles nicht interessiert, weil wir als Zuschauer nur darauf warten, dass sich der gute Roboter Walter dann doch als der böse Roboter David herausstellt (ein „Twist“ der allein durch die Prämisse von zwei Michael Fassbenders von vornherein klar ist und die Intelligenz eines jeden erwachsenen Zuschauers beleidigt)?
Die Antwort ist: ja. Ja, all diese Fehler wurden gemacht und zu einem absolut bescheuerten, uninspirierten Mist gemixt, der weder den Regisseur Ridley Scott verdient, noch den Eintrag in die Alien-Historie.
Ach ja, zumindest die Musik ist toll, weil sie Jerry Goldsmiths Originalthema wiederverwendet. Macht zwar keinen Sinn, klingt aber gut.

King Arthur: Legend of the Sword (2017) – Kritik

May 31, 2017 at 4:00 pm

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King Arthur: Legend of the Sword, Regie: Guy Richie, 126min, USA, UK, Australien

Guy Richie macht nen Abenteuerfilm! Es rumst und kracht und wird so schnell geschnitten als wären wir inmitten eines Musikvideos. Dazu gibt es wirklich epische Bilder und einem antreibenden Soundtrack. Ein bisschen fühlt man sich wie beim Lord of the Rings auf Drogen, aber nur ein bisschen, denn schließlich wird hier noch immer die Artus-Legende erzählt.
Offiziell ist der Film schon in den USA gefloppt, was auch an den schlechten Vorabkritiken gelegen haben mag (und daran, dass er sich gegen Guardians of the Galaxy Vol.2 behaupten musste). Verstehen kann man das kaum, denn King Artur bietet beste Unterhaltung und ist den Gang ins Kino absolut wert.
Die klassische Sage um Arthur, den Sohn des Britenkönigs Uther Pendragon wird nur in Teilen angerissen. So gibt es die „Mage“, ein Volk von Zauberern, das über die Abwesenheit von Merlin hinweghelfen soll und gleich zu Beginn der Geschichte das Reich mit großer Armee und einer Horde Riesenelefanten (!) angreift. Gelenkt wird der Angriff allerdings von Uthers intrigantem Bruder Vortigern, der zum Mörder des Königspaares wird, aber dessen Erben nicht fassen kann. So wächst Arthur in einem Hurenhaus auf, ohne seine wahre Herkunft zu kennen. Bis zu dem Tag da er Excalibur – das magische Schwert – aus einem Felsen zieht und so zur Bedrohung Vortigerns wird. Eine Prophezeiung sagt das Ende des grausamen Königs voraus, so dass dieser für den Rest des Films versucht, Arthurs Schicksal frühzeitig zu beenden. Der wiederum wehrt sich beharrlich dagegen, seinen Onkel vom Thron zu stürzen und zum Anführer der Briten zu werden.
Durchweg großartiges Casting rundet ein sympathisches Ensemble ab. Charlie Hunnam spielt Arthur mit viel Sympathie und Stärke, seine Bande aus Rebellen wird mit Djimon Hounsou, Aiden Gillen, Tom Wu und Astrid Bergès-Frisbey sympathisch belebt. Jude Law lebt als schleimiger Bösewicht auf wie selten in den letzten Jahren. Überraschend der Auftritt von Eric Bana als Uther, der gleich zu Beginn des Films das Ideal verkörpert, an welches Arthur nicht rankommen will. Sie alle gehen in ihren Rollen so gut auf wie es ihre Zeit auf der Leinwand zulässt. So wie die Nebenrollen an zu wenig Zeit leiden, sind die beiden Hauptakteure zwar öfter zu sehen, aber nicht unbedingt weiter ausgearbeitet.
Der „Reluctant Hero“ – also der Held, der keiner sein will, bis es nicht mehr anders geht und der „Evil Villain“ – also der Böse, der so böse ist, das es nur so böst, sind nur zwei Beispiele der archetypischen Charaktere, die den Film aus seinem perfekten Setting reißen und dann doch in gewohnte Bahnen bringen. Das ist schade, denn Richie tut alles was geht, um dem Zuschauer ein packendes, kurzweiliges und vor allem modernes Abenteuer zu bieten. Die Musik von Daniel Pemberton rockt wie wild. Die Effekte schwanken zwischen realistischer Animation und Computerspiel, aber immer so, dass man nicht rausgerissen wird. Die 3D-Wandlung macht wirklich Spaß im Kino (endlich mal wieder ein Film, wo Pfeile und Schwerter vor der Nase tanzen). Sowieso ist die gesamte Welt aus realistischen Landschaftsaufnahmen, gewaltigen Sets mit digitalen Erweiterungen, authentischen aber verspielten Kostümen und lockerem Dialog ein gelungenes Update der typischen Ritterfantasien. Wo der Herr der Ringe zwischen traditionellem Epos und langweiligem Märchen schwankte, schafft es King Arthur seiner Linie treu zu bleiben und sich als rotzige Britensaga mit Rollenspielpotential zu behaupten.
Dass der Markt für so einen Film in den letzten Jahren von Game of Thrones übernommen wurde, scheint dem Kinogänger nicht entgangen zu sein. Trotzdem würde ich jedem empfehlen, den Film auf der großen Leinwand und in 3D zu sehen.

King Kong: Skull Island (2017) – Kritik

May 27, 2017 at 12:48 am

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Kong: Skull Island, Regie: Jordan Vogt-Roberts, 118min, USA

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Heureka, der Monster-Film ist zurück! Woran „Pacific Rim“ und „Godzilla“ noch scheiterten, nämlich unterhaltsames Kino zu machen, schafft es Kong: Skull Island nicht nur mit fantastischen Effekten aufzuwarten, sondern auch mit Charakteren, um die man gerne bangt und einer simplen, aber dafür spannenden Handlung zu punkten. Mittendrin ist John C. Riley als „Comic Relief“, der im Trailer noch irgendwie deplatziert wirkte, sich im Film aber als dessen emotionaler Kern herausspielt. Regisseur Jordan Vogt-Roberts schafft es tatsächlich, die richtige Balance aus Horrorfilm und leichter Unterhaltung zu finden, seine Monster sind gruselig, seine Helden sympathisch und sein Kong monumental.

Dabei geizt er nicht mit prallen Farben und spektakulären Computereffekten ohne wie ein Videospiel zu wirken. Glaubhaft ist das alles natürlich trotzdem nicht – aber die einfache Handlung, gepaart mit coolen Viechern, Blut und Schweiß lässt kaum Langweile aufkommen. Das Setting ist ebenso clever (70er Jahre Vietnam-Krieg) wie sein Casting. Samuel Jackson als menschlicher Antagonist, Brie Larson als ‚die weiße Frau’ und Tom Hiddleston als vorsichtiger Abenteurer spielen ihre Archetypen gekonnt und werden dabei von einem tollen Ensemble an Nebendarstellern unterstützt.

Ich habe Peter Jackson’s 2005 Filmversion sehr gemocht. Da war viel Emotion drin, King Kong war ein verknallter Riesengorilla, der tragisch endete. Eine wunderschöne Hommage an das Original von 1933. Der Schwarz-Weiß-Klassiker steht dann auch zu Recht noch in allen Geschichtsbüchern der Special Effects und ist auch über 80 Jahre später noch nicht veraltet. Die Version von 1976 kann man aus Neugier mal sehen, aber ebenso schnell auch wieder vergessen.

Anders dieser neueste Eintrag in die Affen-Geschichte. King Kong: Skull Island wirkt wie das Herzensprojekt einer Crew, die einfach mal ein schönes Monsterspektakel machen wollte. Dass dabei der König der Insel nicht mehr ganz so ausgearbeitet ist, wie Dabei Action, Horror, Spaß und Unterhaltung so gut zu balancieren, verdient Respekt im heutigen, schnelllebigen Hollywood. Bitte mehr davon.

Ins Kino dafür? Unbedingt!

 

Mad Max: Fury Road (2015) – Kritik

May 21, 2015 at 4:47 pm

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Mad Max: Fury Road, Regie: George Miller, 120min, Australien/USA

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Kurz:
Brumm!! Roar!!! Bäng!!! Geil, geil, geil!!! Ein bahnbrechendes Action-Spektakel. Visuell grandios in Szene gesetzte Stunts machen diese apokalyptische, fast zweistündige Verfolgungsjagd zu einem absoluten Kino-Besuch-Muss. Ein Film der für die große Leinwand gemacht wurde.

Lang (Spoiler):
Die Handlung dieser losen Fortsetzung der MadMax-Filme ist schnell erzählt. In der Zukunft ist die Erde zu einer trostlosen Wüste geworden, in der sich Gangs um den letzten Tropfen Benzin und das arme Fußvolk um ein paar Tropfen Wasser kloppen. Beides wird von Immortan Joe (Hugh Keays Byrne) bereitgestellt, der offenbar eine Art König in dieser verschrobenen Welt aus Schrott und Gewalt ist. Doch als seine Soldatin Furiosa (Charlize Theron) seine (schwangeren) Ehefrauen entführt, setzt er sich und seine Armee daran, die längste und spektakulärste Verfolgungsjagd überhaupt ins Rollen zu bringen. Mittendrin Max (Tom Hardy), der Außenseiter, der zu Hilfe kommt, obwohl er gar nicht will.
Trotz – oder gerade wegen – dieser simplen Handlung entfaltet der Film eine grandiose Geschichte, ein visuelles Erzählkino, das auf Grund der vielen echten Stunts und In-Camera-Shots frischer und moderner wirkt als so manche computergesteuerte Comic-Verfilmung. Man ist einfach mitten drin im Geschehen. Das liegt auch an George Millers überragender Regie. Wie er aus diesem rasenden Zirkus ein einheitliches Ganzes strickt ist schon erstaunlich. Nie verliert der Zuschauer die Übersicht. Nie muss man sich fragen, wo man denn hinschauen soll, um nichts zu verpassen. Dabei wirken der Schnitt und die Kamera zu keinem Zeitpunkt altbacken, oder dem Alter des Regisseurs „angemessen“. Dem 70-jährigen Miller gelingt tatsächlich etwas, woran fast alle Franchises der 80er gescheitert sind: eine quasi-Neuauflage der alten Idee in neuem Glanz.
Was haben sie uns nicht alles kaputtgemacht: Star Wars, Indiana Jones, Die Hard, Alien, Predator, Terminator… eigentlich sind alle neuen Versionen gescheitert. Nicht so Mad Max! Miller nimmt die besten Teile der ursprünglichen Serie und multipliziert sie mit zehn. Die Fahrzeuge sind irre Frankenstein-Monster mit noch mehr Power als zuvor. Die Stunts sind so unglaublich, dass man denkt, der Cirque du Soleil hätte eine Überdosis Drogen genommen. Die Landschaften sind nicht nur öde Dünen, sondern verzaubernde Wüstenskulpturen. Die Bilder sind farbenfroh in leuchtendem Orange und Blau gehalten. Die Musik (komponiert von Junkie XL) gleicht einem Besuch im Hardcore-Techno-Club und kann mit ihrem ständigen Getrommel die rastlose Atmosphäre einer andauernden Verfolgungsjagd anheizen.
Der Trailer des Films war ja mein Liebling des letzten Jahres. Darin wird Miller großkotzig als „Mastermind“ bezeichnet. Was normalerweise eine maßlose Übertreibung der Marketingabteilung ist, muss in diesem Falle als nur all zu passend beschrieben werden. Man spürt quasi in jeder Minute den Meister aller Klassen. Schon jetzt überschlagen sich Filmkritiker mit Lob für das logistische Geschick, die visuelle Erzählweise, oder einfach das runde Gesamtpaket, das da abgeliefert wird. War die ursprüngliche Trilogie eine Grundlage für unzählige Kopien (u.a. das bekannteste Musikvideo von Tupac) und Inspiration für jede-Stuntshow-ever, wird Mad Max: Fury Road wieder einmal Maßstäbe setzen. Das Action-Genre bekommt den Spiegel vorgesetzt und seine Reflektion schreit „So macht man das!“ Michael Bay würde sich in Depressionen stürzen, weil mit jeder Minute Fury Road seine eigene Unzulänglichkeit als Bum-Bum-Explosions-Regisseur ersichtlich wird – wenn Michael Bay denn zu irgendeiner Art Selbstreflexion fähig wäre. Ach ja, sämtliche Stuntshow-Planer in der Welt atmen auf, weil sie sich kein neues Konzept ausdenken müssen, sondern die alten Schrottkarren und Lederklamotten wieder rausholen dürfen. Denn wer will so ein Spektakel nicht live erleben?
Bis man aber mal wieder von einer heißen Explosionswelle erfasst wird, die einem in der benzinstinkenden Arena der Universal-Studios (oder Babelsberg) entgegenschlägt, kann man aber getrost noch zwei bis drei Mal ins Kino gehen, weil sich auch ein wiederholter Besuch immer lohnt. Das erste Mal ist man von der schieren Verrücktheit des Films erfasst, beim nächsten Mal kann man sich etwas mehr auf die Handlung konzentrieren, die doch nicht so simpel ist, wie so manch ein Kunst-Kino-Kritiker befürchtet und vor allem durch das grandiose „word building“ gewinnt. Da kommen dann plötzlich die feministischen Züge des Films durch, und die Details der vorgelebten Gesellschaft, die Immortan Joe erschaffen hat und die sich gar nicht so sehr von unserer eigenen unterscheidet.
Miller hat schon weitere Filme angekündigt. Hoffen wir, dass er die Qualität dieses Meisterwerkes halten kann. Es wäre ein Gewinn für Zuschauer und Filmemacher zugleich.

Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere – Kritik

December 9, 2014 at 9:06 pm

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The Hobbit: TheBattle of the Five Armies, Regie: Peter Jackson, 144min., Neuseeland, UK, USA 2014

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Kurz:
Der letzte Teil der Hobbit-Trilogie ist der kürzeste und doch viel zu lang. Eine riesige Schlacht zieht sich bis zur Ermüdung hin und lässt mit jeder Minute, die vergeht und jedem computeranimierten Viech, das abgeschlachtet wird, ein kleines Stück Originalität hinter sich, bis es schließlich nach 3 Jahren und 3 überflüssigen Filmen geschafft ist, jeden Zauber der Original-Herr-Der-Ringe-Trilogie zu nehmen. Peter Jackson mutiert zum neuen George Lucas und verliert sich in digitalen Spielereien, statt auf guten Dialog, vorantreibende Handlung oder seinen Titelgeber (den Hobbit) zu setzen.

Lang (Spoiler):
Eigentlich kann man sich eine Langversion sparen, da die Enttäuschung ja schon in der Zusammenfassung steckt. Sicher, die ersten beiden Hobbit-Filme waren keine Meisterwerke. Erst recht nicht, wenn man sie mit den besser gemachten Herr-Der-Ringe-Filmen vergleicht. Zumindest der zweite Teil konnte aber mit Smaug aufwarten, einem coolen Drachen und endlich mal coolem Gegenspieler, der sich zum Ende aus seiner Goldhöhle erhebt um ein armes Fischerdorf anzugreifen.
Und dann das: Gleich zu Beginn des dritten Teils richtet Smaug das angekündigte Unheil an und wird dann wie zu erwarten vom einzigen Menschen, den man im letzten Film länger vorstellte, niedergestreckt. Sein Name: wurscht. Er ist irgendein Aragon-Verschnitt (gespielt von Luke Evans). Genauso wie der Zwergenkönig Thorin (Richard Armitage) auch nur ein Aragon-Verschnitt ist. Der besetzt fortan die Höhle des Drachen und wird durch das dort lagernde Gold langsam verrückt. Das passiert am Anfang des Films, wenn es doch eigentlich der Abschluss des Hobbits sein sollte! Was dann kommt, ist eine Aneinanderreihung von belanglosen Kämpfen unter Feinden, die man nicht gewinnen sehen will.
Die Leute des Fischerdorfs suchen nun Unterschlupf in einer Burg nahe der Drachenhöhle. Dann kommen auch noch Elben, die irgendwas anderes in dem Goldhaufen vermuten. Irgendwelche Juwelen. Das ist doch mal ein Grund die Höhle zu belagern und dem Zwergenmann und seinen 12 Gefährten den Krieg anzudrohen! Gleichzeitig wollen auch ein paar Orcs an den Schatz. Damit hätten wir dann schon mal vier der titelgebenden Heere abgehakt. Später kommt nochmals eine Reihe Orcs dazu, Verstärkung für die Zwerge (mit einem computeranimierten(!) Billy Connolly) und dann noch Legolas (Orlando Bloom) und seine Freundin (Evangeline Lily), die in einen der Zwerge verknallt ist. Der stirbt am Ende, genauso wie der Zwergenkönig.
Zwischendurch wird Gandalf (Ian McKellen) von Sauron gefoltert, später dann von Kate Blanchett, Hugo Weaving und Christopher Lee gerettet, weil das eine Brücke zu den Herr-Der-Ringe-Filmen schlagen soll.
Sowieso versucht Jackson hier einem kurzen Kinderbuch das Epische seiner früheren Filme überzustülpen und scheitert dabei grandios, denn es macht einfach keinen Spaß den tausend Kämpfen zuzusehen. Weil sie einerseits völlig unrealistisch animiert sind (ja sind wir denn in einem Computerspiel?) und andererseits auch unrealistisch inszeniert (Wie kann ein Zwerg einen doppelt so großen Orc mit einem Hieb umhauen?).
Nein, dieser Film macht weder Spaß noch Sinn und bildet so den letztlich unbefriedigenden Abschluss einer Sechser-Filmreihe, die doch schon mit ihrem dritten Teil einen guten Abschluss bekommen hatte. Ein Glück verweigern die Erben Tolkiens weitere Lizenzierung der noch nicht verfilmten Bücher. Obwohl es schon einen Grund gibt, warum ich den titelgebenden Hobbit Bilbo (Martin Freeman) nie erwähne. Er ist nämlich alles andere als eine Hauptfigur, alles andere als ein Bindeglied vom Publikum zur Handlung. Er ist – so wie auch der ganze Film – bedeutungslos. Da könnte ein Remake vielleicht besser gelingen. Aber dafür sollte man Peter Jackson bitte in seiner Green-Screen-Höhle lassen und mal neue Talente finden.

Gone Girl – Das perfekte Opfer – Kritik

November 10, 2014 at 7:20 pm

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Gone Girl, Regie: David Fincher, 149min, USA 2014
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Kurz: David Finchers letzter Streich ist die Verfilmung eines Romans, in dem ein Mann seine verschwinde Frau finden will un dabei selbst zum Verdächtigen wird. Ben Affleck und Rosamund Pike spielen in diesem spannenden, langen, aber nie langweiligen Thriller ein Paar, dem man – mit Hilfe von Rückblenden und Perspektivenwechseln – gern zusieht. Wie immer bei Fincher sind auch die Nebenrollen hervorragend besetzt und wie immer bei Fincher überwiegt die Handlung die Emotionen.

Lang (Spoiler): Die Ehe von Nick Dunn (Ben Affleck) und Amy Dunn (Rosamund Pike) steckt in der Krise. Zum 5. Jahrestag geht Nick erstmal in die Bar seiner Schwester Margo (Carrie Coon), um sich zu betrinken. Als er zurück nach Hause kommt, stellt er fest, dass Amy nicht dort ist und ruft die Polizei. Schnell wird klar, dass es wohl ein Verbrechen gegeben hat und eine große Suchaktion wird gestartet. Doch ebenso klar gibt sich Nick nicht wirklich wie der liebende Ehemann, der verzweifelt seine Frau sucht. Stattdessen entwickelt er sich zum Hauptverdächtigen!
WIRKLICH SPOILERS!! Doch es kommt alles ganz anders und so kann man nur hoffen, dass niemand einen Trailer gesehen hat, oder eine Kritik in die Hände bekam, die den Rest des Films beleuchtet. Tatsächlich handelt es sich nämlich um 3 recht unterschiedliche Filme, die zu einem Ganzen zusammengefügt wurden.
Der erste Teil ist dabei der beste, an den der Rest des Film nie so richtig anknüpfen kann. In ihm schafft es Fincher aus dem Szenario der vermissten Frau eine tollen Thriller zu machen, der nach und nach an der Unschuld von Nick kratzen kann und beim Zuschauer Zweifel sät.
Dieser Zweifel ist auch berechtigt, wird aber im zweiten Teil des Films in völlig neue Richtungen geführt. Sobald wir erfahren, dass Amy ihre Entführung nur vorgetäuscht hat und ihren eigenen Tod plant, verschiebt sich die bedrückende Stimmung zu einem Kräftemessen der Protagonisten. Die Spannung ist etwas raus und dennoch bleibt man fasziniert dabei. So wandelt sich der Film von einer Art Polizeiserie zu einer Art Anwaltserie. Es ist Fincher zu Gute zu halten, dass er diese beiden TV-Formate so spielend ins Kino konvertieren kann. Das liegt sicherlich an der absolut reinen Kameraführung (mal wieder Traumbilder von Jeff Cronenweth) und der unheimlichen Musik (schon wieder dabei: Trent Raznor, Atticus Ross). Hier wird eine ganz besondere Atmosphäre hergestellt, die den Vergleich zu Hitchcock nicht scheuen muss.
Der dritte Teil des Films ist dann der Psycho-Part, der eigentlich am wenigsten Spaß macht, weil er sich ganz knapp am Klischee bewegt, bzw. mitten reinhaut. Wir erleben das ganze Ausmaß der durchgeknallten Amy und müssen uns fragen, ob das denn nun eine ernst gemeinte Neuinterpretation von Basic Instinct ist oder ein Test, wie viel man dem Zuschauer zumuten kann.
Es sind dann auch die darstellerischen Leistungen, die das Zuschauen immer noch zu einem Fest machen. Am Ende des Films hat sich jeder mit seiner Rolle so gut arrangiert, dass man ihnen jede Reaktion abnimmt, ohne zu hinterfragen, wie (un-)realistisch denn das Verhalten der Personen (oder Medien) ist. Man glaubt Afflecks Hilflosigkeit, Coons Verzweiflung und Pikes Berechnung. Tyler Perry verlässt als grinsender Anwalt die Bühne, ohne dass er wirklich etwas zur Handlung beigetragen hätte. Und trotzdem mag man ihn dafür. Genauso wie Kim Dickens und Patrick Fugit als Polizei-Duo. Grundsätzlich fällt auf, was für eine fantastische Schauspielriege da zusammengestellt wurde. Casting war schon immer Finchers Stärke und in Gone Girl auch zwingend nötig.
Der Film bleibt aber ein Mysterium. Nicht Fisch, noch Fleisch. Gute Unterhaltung ohne Zweifel. Aber geht er auch tief? Kann er das überhaupt, wenn kaum eine der Hauptfiguren Sympathie ausstrahlt? Auch das ist bei Fincher nicht neu. In diesem Sinne – und weil er am Ende mit einem gewaltvollen Blutbad aufwartet – bleibt er sich treu.

Kritik – 20,000 Days On Earth

October 22, 2014 at 12:07 pm

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20,000 Days On Earth, Regie: Iain Forsyth & Jane Pollard, 97min, Großbritannien 2014
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Als ich vor knapp 20 Jahren Nick-Cave-Fan wurde, war ich schon fast zu spät dran. Der Mann hatte immerhin eine turbulente Karriere in den Achtzigern begonnen, die – angetrieben von verschiedensten Drogenexperimenten und Undergroundkonzerten – seinen punkigen RocknRoll schön am Mainstream vorbei manövrierte. Dennoch waren es die Neunziger, in denen der Name „Nick Cave and The Bad Seeds“ nicht mehr nur in versteckten Hinterhöfen zu finden war. Ein Duett mit Kylie Minogue brachte die Band sogar in die Charts und so lernten auch mehr Deutsche Caves Musik kennen – ein Jahrzehnt nachdem er in West-Berlin die Bad Seeds gegründet hatte. In diesem Absatz versteckt sich wahrscheinlich mehr Information, als in dem ganzen Film 20.000 Days On Earth, der weniger eine Biografie, denn ein Puzzle ist. Dessen Teile sind nicht immer passend aneinandergereiht, geschweige denn gut erkennbar.

Für jemanden, der von Nick Cave noch nie etwas gehört hat, ist dieser Film daher wohl recht verwirrend. Das episodenhafte Porträt eines Mannes und seiner Musik. Gespickt mit Gästen wie Ray Winstone, Blixa Bargeld, Kylie Minogue, einem Psychiater (!), Archivaren und verschiedensten Erinnerungsstücken. Zwischendurch immer wieder Musik. Ein paar ganze Songs verstecken sich im Film, ebenso wie Proben, Aufnahmen und Erinnerungen an vergangene Gigs. Teilweise hat man das Material schon im letzten Jahr bei einem Konzert sehen können, als das neue Album „Push The Sky Away“ (2013) vorgestellt wurde. Iain Forsyth and Jane Pollard haben die Entstehung des Albums dokumentiert und ihren Film quasi um diese Dokumentation herum gebaut. Man kann sich fragen, wie „echt“ 20,000 Days wirklich ist und wie viel des Erzählten denn nur der Fantasie Caves entsprang. Das macht einen gewissen Reiz aus und passt sehr gut ins Gesamtkonzept des Films, der weder echte Dokumentation, noch fiktives Werk sein will.

Eine Empfehlung für jeden Fan und auch für Leute, die einer besonderen Mischung aus Punk, Rock und Poesie begegnen möchten.

6 Probleme mit dem Tatort „Im Schmerz geboren“

October 17, 2014 at 2:09 pm

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Es ist ja ein Wunder, dass überhaupt Tatorte produziert werden können. Mit einem minimalen Budget, Zeitdruck und Einflussnahme von greisen Redaktionen in den Sendeanstalten scheint es kaum möglich, irgendwas zu filmen. Den wirtschaftlichen Aspekt lassen wir mal außen vor, obwohl dieser gerade eben erst in diesem Artikel zum Schweiger-Tatort beschrieben wird. Das Geheimnis: es lohnt sich eben nicht, einen Tatort zu drehen. Zumindest nicht wirtschaftlich. Und kulturell? Oder kreativ? Hier sind 6 Probleme des letzten Versuchs – noch bis zum Wochenende in der Mediathek abrufbar – , die uns zeigen, wie sinnlos überhaupt eine Diskussion um die Reihe Tatort ist.

1. Overkill
Ein Lolli ist toll. Zuckersüß und was besonderes. Ein Lolli in einem Bonbon-Laden ist schon weniger wert, weil es ja so eine große Auswahl an Süßigkeiten gibt. Ein Lolli in einem Bonbon-Laden in Disneyland geht schließlich unter. Das passiert auch mit Ideen. Eine neue Idee im Tatort ist gut. Ein paar mehr sogar besser. Aber wenn man das Format quasi zumüllt, verliert es nicht nur seinen Reiz, man kann auch das Besondere daran nicht mehr erkennen. Und so gibt es neben einer theatralischen Einleitung eines Schauspielers, der einen Schauspieler spielt, der einen Gangster spielt, der gerne Schauspieler geworden wäre, auch noch allen möglichen anderen überbordenden Kram. Einen Erzähler, der uns mittendrin die Handlung erklärt (oder auch nicht, weil er das Gesehene eigentlich nur wiederkäut), „lebende Gemälde“, Zitate aus anderen Filmen, Büchern, Mythen. Freeze-Frames mit roter Farbgebung! Freeze-Frames, die aussehen wie gemalt! Shakespeare. Noch mehr Shakespeare! Überall Shakespeare, sogar im bolivianischen Dschungel. Einen Mord. Noch einen Mord. Und noch einen Mord! Der Antagonist als wandelnder Sensenmann. Ein Duell, und noch eins, und noch eins, und… noch eins! Sowieso ist der ganze Film ja ein einziges Duell: der Cop gegen den Abtrünnigen. Schade nur, dass einem das immer wieder erklärt werden muss, denn immerzu stehen sich die beiden zwar gegenüber, aber spannend ist das noch lange nicht. Am Ende wirkt das alles so aufgesetzt, dass es jeden Sinn verliert.

2. Musik
Eigentlich gehört die Musik zum ersten Problem, allerdings ist der Overkill dabei besonders eklatant. Wenn man im Vorspann liest „Musik: HR-Sinfonieorchester“, könnte man sich ja fragen, wer der Komponist ist. Doch weit gefehlt! Für diesen besonderen Tatort reicht kein einzelner Künstler, nein, man greift auf einen großen Klassik-Katalog zurück, um möglichst imposant daher zu kommen. Schade nur, dass man damit völlig daneben greift. Wie soll ein kohärentes Klangbild entstehen, wenn man durch verschiedene Stile und Epochen durchrattert und vom Leitmotiv nichts wissen will? Klar, es gibt Regisseure, die aus verschiedenen Songs und klassischen Stücken eine tolle Stimmung erzeugen können (Scorsese, Tarantino). Tatort-Regisseur Florian Schwarz fehlt da doch offenbar das Feingefühl.

3. Altbacken sein
Trotz Overkill bleibt sich der deutsche TV-Krimi aber so treu, dass es zum Heulen ist. Wenn einen das Duell „3 Söhne gegen den Mann in Weiß“ am Anfang nicht mitreißt, hat man noch mal 20 Minuten Zeit, sich irgendwie in diese Story reinzudenken, weil nichts Besonderes passiert. Ach was, denken? Hier wird wie immer alles erklärt, so als sitze ein hirnamputierter Blinder vor dem TV-Gerät. Jules & Jim war ein Film über eine Dreiecksbeziehung. Wiederholen wir das doch auch mindestens dreimal, damit es jeder kapiert. Die blonde Kollegin könnte was von Murot wollen? Das müssen aber auch bitte schön alle Kollegen (und der Antagonist!) nochmal erklären. Sowieso: Murot. Wenn man so wie ich, den Herrn vorher nicht kannte, wird doch auf schön deutsche Manier der Name bei jeder noch so passenden (und unpassenden) Gelegenheit rausposaunt. Murot hier, Murot da. Wie heißt der Kommissar nochmal? Murot, oder? Mein Gott, wer redet denn so? Aber wenn’s denn nur beim Namen bliebe. Nein, ständig muß uns der Böse erklären, was er denn vorhat, damit, wenn’s schließlich passiert, keine Überraschung mehr bleibt. Wir könnten uns ja überanstrengen am Sonntagabend. Aber auch sonst ist Innovation fehl am Platze. Der Vorspann: wird auf keinen Fall aktualisiert, auch wenn er von Stimmung, Grafik und Musik her wirkt, wie ein Relikt aus der Franz-Josef-Strauss-Zeit. Die Kamera: langweilig. Die Farbgebung: unglücklich gewählt (ist es denn nur ein Western, weil sich ein leichter Gelbstich durch die 90 Minuten zieht?). Die Musik: hatten wir schon – muss aber nochmal erwähnt werden, weil sie wohl auch Drama und Theatralik vermitteln soll. Als ginge das nicht anders. Der Schnitt: naja, bloß nicht zu schnell, bloß nicht zu kurz, bloß nicht verwirrend. Das Schauspiel: schwankt zwischen großer Bühne und authentischem Gelaber. Wirkt aber immer schön unrealistisch. Das Drehbuch: das eigentliche Verbrechen dieses Krimis. Eine Rachegeschichte, so unrealistisch und so überstrapaziert, dass sie die verschachtelte Erzählform braucht, denn wenn man die dünne Handlung einfach mal runterbricht, bleibt kaum mehr als ein Satz: Lover trauert um tote Freundin und wird irre dabei. Ach ja, Kind auch tot. Kommissar weiß aber von nix. Super Bulle, oder? Ist ja nicht so, als hätte man nicht beim ersten Erwähnen der Dreiecksbeziehung gewusst, wessen Sohn da so präzise den Scharfschützen mimt. Uh, oh, bloß keine Überraschungen, der Zuschauer könnte ja verwirrt sein.

4. Emotionen
Nicht vorhanden. Ja, Ulrich Matthes spielt einen aus Trauer verrückt gewordenen Mann. Den Wahnsinn nimmt man ihm auch ab, weil kein normal denkender Mensch so einen dummen Plan am anderen Ende der Welt aushecken könnte. Oder weil es wohl keinen normalen Menschen gibt, der einen Vaterschaftstest per Babygeruch hinbekommt. Der ruhige Gegenpol ist also Murot – gespielt von einem unentschiedenen Ulrich Tukur. Soll er denn nun von der Vergangenheit prahlend erzählen, oder doch nur Fakten runterstammeln? Darf er mal etwas Nähe zu seinem Sohn entwickeln? Oder zu seiner Assistentin? Oder zu der Kollegin, die ihn so geil anguckt? Oder darf er nur sauer sein, auf den alten Wegbegleiter? Aber wenigstens versuchen diese beiden ja etwas Emotion rüberzubringen. Allen anderen bleibt dies verwehrt. Abgesehen von der letzten Würgeszene rennt Golo Euler wie benebelt als Bastard David durchs Bild. Von Gefühl keine Spur. Alexander Scheer kann froh sein, dass man ihm eine RockaBilly-Frisur verpasste, sonst könnte man ihn glatt übersehen. Seinen Boss, den Shakepeare-liebenden Mafioso Bosco erwischt es nicht besser. Nur mal kurz zuckt er zusammen, als er vom Tod seiner Söhne erfährt. Ist aber in der nächsten Szene gleich vergessen. Und alle haben sie etwas gemein, dass vielleicht die Theatralik des Tatorts untermalen soll, aber nur unrealistisch daher kommt: sie sterben so schön leise. Drei Jungs kommen zum Duell. Der erste wird abgeknallt, der zweite auch und der dritte steht auch nur zum Umfallen rum. Ihr Vater nicht besser (ja, was passiert wohl mit einem Laserpunkt auf der Brust?). Der waffenhandelnde Autor lässt sich später ganz ruhig die Betonfüße anketten (wirklich, die Betonfüße – im Jahre 2014?!?) und die verräterische Kollegin wartet gemütlich ab, dass ihr Killer einen Schalldämpfer vor die Knarre schraubt, bevor sie dran glauben muss. Am Ende gucken alle doof in die Kamera, beim Gruppenfoto der Toten. War ja alles nur Spiel, nicht wahr? Muss den Zuschauer ja nicht jucken. Bloß kein Gefühl wecken, man soll doch bitte noch schlafen können.

5. Deutschland-Syndrom
Sowieso der Zuschauer. Was hat man nicht alles gelesen zu diesem „Ausnahme-Tatort“. Wie sich die Menschen uneinig waren, ob man sowas zeigen darf. Soviel Blut, soviele Leichen. Au weia. Und dann die Begeisterten! Nicht nur in der Presse, auch im Wohnzimmer. Da werden Kommentare abgegeben, den besten Tatort aller Zeiten gesehen zu haben. Oder dass man sich nicht vor Hollywood verstecken müsste. Oder das Hollywood sowieso doof sei und man es hier doch auch könne. Ehrlich? Das soll Hollywood-Niveau gewesen sein? Ja, wenn man nur Filme vor 1990 gesehen hat, dann vielleicht. Andererseits sagt es natürlich auch etwas über die Qualität der bisherigen Tatorte aus, wenn dieses Mittelmaß schon als Erlösung herhalten kann. Woche für Woche betäubt sich der Deutsche mit „seinem“ Tatort und zwar nicht nur der Alte, der schon seit den Siebzigern dabei ist, sondern auch der Junge, der mit anderen in der Kneipe sitzt und das Angucken zum „Ritual“ zur „Tradition“ ja sogar zum „Kult“ auserkoren hat. Wenn eine Nation sich damit zufrieden gibt, dann steht es schlecht um die Filmvielfalt. Ums Fernsehen sowieso.

6. Die Öffentlich-Rechtlichen
Und da wären wir dann auch beim letzten und größten Problem: Dem zwangsfinanzierten TV, das uns irgendwie seine Existenzberechtigung unterjubeln will und das mit dem einzig funktionierenden Format (neben Fußball) begründen möchte. Ja klar ist der Tatort gut, wenn ihr sonst nur Schrott sendet. Ja klar ist der Tatort was besonderes, wenn die restliche TV-Landschaft nur aus dummen Quizshows, Talkshows, Politiksendungen und Volksmusik besteht. Und dafür zahlt man also knapp 20 Euro im Monat. Dafür, dass dieses lächerlich überzogene und doch viel zu simple Drehbuch durchgewunken wurde? Dass man das heutzutage noch schön langweilig inszenieren darf und es als Tradition verkauft? Dafür, dass Talente vor und hinter der Kamera lügen müssen und den Tatort als das Höchste im TV loben? Dafür dass man diesen Talenten durch altbackene Regeln, politischen Druck und unnötigen Quotenwahn die Chance raubt, mal was richtig Gutes zu machen? Dafür zahlen wir also Gebühren? Wir können uns ja gegenseitig noch so sehr anlügen, aber Fakt ist doch, dass man die 20-Euro-Monatsgebühr eben nicht für eine DVD von „Im Schmerz geboren“ ausgeben würde. Für einen Hollywoodfilm aber schon.

Lucy – Kritik

October 16, 2014 at 10:38 am

Scarlett_Johansson-004
Lucy, Regie: Luc Besson, 89min, Frankreich 2014
3Sterne_lang
Kurz:
Scarlett Johannson wird in Asien mit einer Wunderdroge infiziert, die ihr Zugang zu 100% ihrer Hirnleistung gibt und dadurch zu einem Superwesen mutieren lässt. Das klingt tausend mal besser, als es in diesem konfusen, völlig banalen Luc-Besson-Film umgesetzt wurde. Glücklicherweise reicht eine normale Hirnleistung aus, um zu erkennen, dass man sich seine Zeit für etwas Besseres aufheben sollte.

Lang (Spoilers):
„Suspension of Disbelief“ umschreibt den Zustand, den ein Zuschauer erreichen muss, um in Filmen präsentierte Realitäten als „wahr“ erscheinen zu lassen. Wird dies nicht erreicht, kann er nicht in die Filmwelt eintauchen und bleibt mit verlorenem Blick von Außen vor einer Aneinanderreihung von Szenen, die ihn emotional und intellektuell kalt lassen.

Luc Besson hat ein paar tolle Filme gedreht. In den 90ern. Märchen, wie Das 5. Element, oder coole Thriller wie Leon – Der Profi. Das ist lange her und es scheint, als hätte er eine Entwicklung zurück zum Anfänger-Filmer gemacht. Wie anders soll man erklären, dass Lucy in keiner Minute funktioniert, ja dass die ganze Prämisse des Films so bescheuert ist, dass man sich ständig fragt, ob hier willentlich Verarsche am Zuschauer betrieben wird, oder ob es Besson einfach nicht interessiert hat, länger als zwei Stunden am Drehbuch zu schreiben. Die Idee, einen Über-Menschen zu kreieren, noch dazu eine junge, schöne Frau, ist ja nicht neu, sondern wurde von ihm im 5. Element grandios umgesetzt. Aber zu denken, man könne die Sci-Fi-Elemente des Märchens entfernen und trotzdem zu einem überzeugenden Ergebnis kommen, lässt erahnen, dass der Regisseur und Autor hier tatsächlich nur 10% seines Hirns benutzt hat. Und darum geht es ja: dass wir Menschen nur einen Bruchteil unseres Denkapparats benutzen und uns daher die ganze Welt verschlossen bleibt. Mal abgesehen davon, dass diese These schon seit Jahrzehnten widerlegt wurde, ist es schon völlig hanebüchen, die 20%-Hürde durch eine Wunderdroge knacken zu können.

Aber genau das will uns Besson hier weismachen. Lucy, ein junges Dummchen in Asien, wird unfreiwillig zur menschlichen Drogenlieferantin. Sie trägt ein mysteriöses Paket in ihrem Bauch – super beim eigenen 5. Element geklaut – soll das eine Homage sein oder ist das Schreibfaulheit? Dann reißt das Paket und setzt die Droge in ihrem Organismus frei. Und schwups, hat man die nächste Stunde Zeit, sich mit anzusehen, wie Lucys Hirnaktivität Sprünge macht, von 30% zu 100% und sie damit vom Menschen zu Gott werden lässt. Weil, ist ja klar, wir sind alle Götter, die ihr Potential nicht kennen. Logo, so hat das die Natur gemacht. Am Ende können wir Zeitreisen (oder uns das Universum erklären, oder so) und werden zu Supercomputern. Das hat ja dieses Jahr schon mal richtig gut geklappt (siehe Transcendence). Morgan Freeman läuft als Wissenschaftler durchs Bild, um dem Ganzen etwas Seriöses zu geben (siehe Transcendence) und kann diesen Schrott trotzdem nicht retten (siehe Transcendence).

Aber wenigstens gibt es Action, oder? Schließlich hat Besson nicht nur Leon gedreht, sondern auch die Transporter– und Taken-Filme produziert. Wie kann es da sein, dass die Action aussieht wie aus einem Studentenfilm? Wie kann das Überwesen Lucy noch durch eine Waffe bedroht werden? Die Antwort: sie kann es nicht. Wieso gibt es am Ende des Films trotzdem einen Climax, der uns ein Hong-Kong-Kino-Shootout vorsetzt? Was macht ein Franzosen-Cop eigentlich da mittendrin?
Es bleibt die Frage, ob Besson wider besseren Wissens einen Schrott-Film gedreht hat, oder ob er sich gar nicht bewusst war, was für eine Grütze da rauskam. War ihm nicht bewusst, dass die Mutation zum Superwesen Lucy zu einer emotional kalten, nicht identifizierbaren Person macht, dass dem Publikum also keine Figur bleibt, an die er sich binden kann?

Aber ohne Gefühle ist jedes Kino ein Totgeburt. Hat Besson sich Das 5. Element seit dessen Entstehung nicht mehr angesehen? Einen Film, der „Liebe triumphiert über alles“ propagiert? Oder Leon, der im Kern doch die tiefe Freundschaft zweier Außenseiter zeigt? Oder selbst Taken, der uns zumindest halbherzig versucht, Liam Neeson als von Fürsorge getriebenen Vater zu verkaufen? Hat er einfach vergessen, was seine Filme mal besonders machte?

Vielleicht ist Lucy aber auch einfach nur zu unrealistisch. Wunderdroge, Mutation, Gottcomputer – all das könnte irgendwie funktionieren, wenn man seinem Publikum ein wenig Intelligenz zutrauen würde. Aber leider denkt Besson offenbar, dass wir unser Hirn wirklich nur in Bruchteilen nutzen. Für Lucy sind 10% allerdings noch zu viel.